{"title":"Ach, kuck mal an: Ghosts of Berlin von Soko Friedhof","slug":"soko-friedhof-ghosts-of-berlin-review","url":"https://www.romanjasiek.de/soko-friedhof-ghosts-of-berlin-review/","published_at":"2012-11-09T19:57:00.000Z","updated_at":"2026-10-06T19:08:17.000Z","excerpt":"Möglicherweise geht es Euch wie mir: Wenn bei der Ankündigung neuer Mucke der Name Soko Friedhof fällt, hat man automatisch bestimmte Vorstellungen davon im Kopf, was man geboten bekommen wird. Das ist natürlich nicht nur bei Soko Friedhof so, aber gerade bei dieser ziemlich speziellen Band bietet sich das förmlich an. Möglicherweise erinnert Ihr Euch auch noch an die Ankündigung zu Ghosts of Berlin, die den Eindruck erweckte, ein Kurswechsel stünde bevor. Ich habe mir die Scheibe vorab schon ei","meta_description":null,"html":"<p>Möglicherweise geht es Euch wie mir: Wenn bei der Ankündigung neuer Mucke der Name <strong>Soko Friedhof</strong> fällt, hat man automatisch bestimmte Vorstellungen davon im Kopf, was man geboten bekommen wird. Das ist natürlich nicht nur bei <strong>Soko Friedhof</strong> so, aber gerade bei dieser ziemlich speziellen Band bietet sich das förmlich an. Möglicherweise erinnert Ihr Euch auch noch an die Ankündigung zu <strong>Ghosts of Berlin</strong>, die den Eindruck erweckte, ein Kurswechsel stünde bevor. Ich habe mir die Scheibe vorab schon einmal angehört und sage Euch: Künftig werden Eure Erwartungen an <strong>Soko Friedhof</strong> viel differenzierter ausfallen müssen.</p><p>Etwas, das den Feld-, Wald- und Wiesengrufties unweigerlich immer zum Thema <strong>Soko Friedhof</strong> einfällt, sind immergrüne Gassenhauer wie <strong>Blutrünstiges Mädchen</strong> oder <strong>Blutsauger</strong>. Des Weiteren gibt es ja da die Alben <strong>Mord</strong> und <strong>Drom (Mord 2)</strong>, die aufgrund ihrer enthaltenen Albernheiten die Band nicht notwendigerweise in der Ecke der ernsthaften Musiker positionierten. Erfreulicherweise ist es aber so, dass <strong>Soko Friedhof</strong> auch ganz anders können. Mit <strong>Ghosts of Berlin</strong> stellt die <strong>Soko</strong> ganz eindrucksvoll unter Beweis, dass es auch wehmütige, melancholische Seiten gibt, dass sie fragile, sehnsüchtige Songs schaffen können – fernab von aller Holzhammerkomik, Provokation oder Satire.</p><p>Wer in einer Großstadt lebt oder lebte, wird es bestätigen können: Das Leben in einer anonymen Millionenmetropole hinterlässt manchmal Spuren im Leben derjenigen, die sich dort für länger aufhalten. Der Titel <strong>Ghosts of Berlin</strong> ist daher sehr treffend gewählt. Wir haben es hier mit einer Reise durch das nächtliche Berlin zu tun, beginnend mit dem anfänglichen High, wenn die Neonlichter das Dunkel vertreiben. Und endend mit dem Gefühl der Leere, wenn der nächste Tag anbricht und die nächste Runde auf dem Karussell beginnt. »Die Stadt hat dich verkauft / an Schmerz und Trauer / Und wenn der Morgen bleich erwacht / überzieht dich kalter Schauer« heißt es treffend im Song <strong>Breathing Together</strong>.</p><p>Es gibt bei <strong>Ghosts of Berlin</strong> diverse Dinge, die auffallen: die vergleichsweise hohe Anzahl englischer Titel, das angenehme häufige, stimmliche Mitwirken von <strong>Maria von Lilienstein</strong> und die musikalische Vielfalt. Das Eröffnungsstück <strong>Und ich breite meine Schwingen</strong> ist aufgrund vieler Sprachsamples und des stampfenden, elektronischen Beats klanglich noch am ehesten das, was man mit <strong>Soko Friedhof</strong> assoziiert. Direkt danach folgt jedoch mit <strong>In My Age</strong> eine höchst eingängige Ballade, die <strong>David A. Line</strong> und <strong>Maria von Lilienstein</strong> in einem wunderbaren Duett zeigt. Und bei <strong>Is There Anyone At Home?</strong> sowie bei <strong>Breathing</strong>, einer Art Reprise des vorhin erwähnten <strong>Breathing Together</strong>, geht es überraschend akustisch zu. Umgekehrt begeistert <strong>Sodomie</strong> durch eine ziemlich brachiale Note.</p><p>Abwechslung wird auf <strong>Ghosts of Berlin</strong> sehr großgeschrieben&nbsp;– genauso wie der Versuch, dem Album eine ernsthafte, melancholische und sehr viel stimmungsvollere Seite als sonst zu verleihen. Ich komme an dieser Stelle nicht umhin, festzustellen, dass diese Unternehmung erfolgreich war. Wer sich damit anfreunden kann, dass sich <strong>Soko Friedhof</strong> scheinbar weiterbewegt haben und die beißende Satire gegenüber Szene und Gesellschaft nunmehr lediglich ein Teilaspekt des künstlerischen Schaffens der Band ist, bekommt hier womöglich eines der besten <strong>Soko-Friedhof-Alben</strong> überhaupt serviert. Wohl bekomm’s!</p><p>Oha! Ich muss ehrlich zugeben, dass mich <strong>Soko Friedhof</strong> mit ihrem neuen Album mehr als überrascht haben. Und das in jeder Hinsicht positiv. Bisher hatte ich die Truppe eher als satirisches, nicht ganz so ernst gemeintes Projekt auf dem Schirm. Legt man die Vorankündigung zugrunde, dann ist <strong>Ghosts of Berlin</strong> tatsächlich das erhoffte ernsthafte, düstere und schwermütige Album geworden, fernab jeder Alberei und wohlplatzierten Provokation. Quasi ein Reboot in Sachen <strong>Soko Friedhof</strong>? Wird man sehen. In jedem Fall aber ein gelungenes Album, das sich als Begleiter durch die kalte, dunkle Jahreszeit empfiehlt.</p><figure class=\"kg-card kg-image-card kg-card-hascaption\"><img src=\"https://storage.ghost.io/c/90/34/9034555f-2939-4c04-8b42-89dcff4387d3/content/images/2026/10/sokofriedhof_ghostsofberlin-1.jpeg\" class=\"kg-image\" alt=\"\" loading=\"lazy\" width=\"640\" height=\"640\" srcset=\"https://storage.ghost.io/c/90/34/9034555f-2939-4c04-8b42-89dcff4387d3/content/images/size/w600/2026/10/sokofriedhof_ghostsofberlin-1.jpeg 600w, https://storage.ghost.io/c/90/34/9034555f-2939-4c04-8b42-89dcff4387d3/content/images/2026/10/sokofriedhof_ghostsofberlin-1.jpeg 640w\"><figcaption><span style=\"white-space: pre-wrap;\">© von Grafenwald</span></figcaption></figure>","tags":["Musik"],"authors":["Roman Jasiek"],"feature_image":"https://storage.ghost.io/c/90/34/9034555f-2939-4c04-8b42-89dcff4387d3/content/images/2026/10/sokofriedhof_ghostsofberlin.jpeg","archived_at":"2026-10-06T19:25:27.108Z"}